Gedenken greifbar machen im ehemaligen jüdischen Waisenhaus in Pankow

Das jüdische Waisenhaus in Pankow war bis in die 1930er Jahre hinein ein schützender Ort für von Diskriminierung und Verfolgung bedrohte jüdische Kinder. Im Dritten Reich wurden das Waisenhaus geschlossen, Kinder und Angestellte deportiert und ermordet. Eine Ausstellung macht ihre Schicksale für Jugendliche begreifbar.

Seit März 2025 ist die Dauerausstellung im Ehemaligen Jüdischen Waisenhaus in Pankow für Besucher geöffnet. Sie erzählt vom Leben der ehemaligen Bewohner/-innen, ihren Einzelschicksalen während des 2. Weltkrieges und dem Verbleib des Hauses nach dem Ende des Krieges.

Bis zu Beginn der 1930er-Jahre war das Haus ein Zufluchtsort für jüdische Kinder, insbesondere aus dem östlichen Europa. Nicht immer handelte es sich um Waisen, teilweise ließen Eltern ihren Nachwuchs in der Obhut der Pädagog/-innen, weil sie sich selbst nicht oder nicht mehr in der Stadt aufhielten. So auch die Eltern von Leslie Baruch Brent, die mit dem Leiter der Schule, Kurt Crohn, befreundet waren und ihren in Hinterpommern geborenen Sohn aufgrund der zunehmenden Diskriminierungen von Juden 1936 in das Jüdische Waisenhaus schickten. Als sich die Lage nach den Novemberpogromen 1938 in Deutschland drastisch verschlechterte, schickte Crohn den damals 13-Jährigen mit dem ersten Kindertransport nach England, wo er den Krieg überlebte. Seine Eltern und seine Schwester wurden 1942 bei Riga ermordet. Baruch Brents Biografie, sein Leben und Überleben, ist Teil der Ausstellung und macht das kollektive Schicksal jüdischer Kinder auf individueller Ebene erfahrbar.

Das Gebäude an der Berliner Straße überlebte den Krieg und dient heute als Ort der Erinnerung und des Gedenkens. Die Dauerausstellung innerhalb der ehemaligen Räumlichkeiten des Jüdischen Waisenhauses hält in sieben Ausstellungskapiteln die verlorenen Kindheiten der in Obhut genommen Kinder fest. Die ersten drei Stationen erzählen von den Anfängen des Hauses und den Motiven für eine Unterbringung, den Angriffen gegen das Haus – wie dem dokumentierten Sturm der Hitlerjugend – und dem Versuch, die Kinder ins sichere Ausland zu verschiffen. Der vierte Abschnitt beleuchtet das Ende des Waisenhauses in den frühen 1940er-Jahren. Zu diesem Zeitpunkt wurden die verbliebenen Kinder, Lehrer und Betreuer/-innen deportiert und das Gebäude selbst beschlagnahmt und zum Teil des Reichssicherheitshauptamtes gemacht. Die nachfolgenden Kapitel springen in die nähere Vergangenheit und beschäftigen sich mit der Rekonstruktion des Hauses, den Lebenserfahrungen der Überlebenden und der Frage nach Versöhnung.

Die Dauerausstellung im ehemaligen Jüdischen Waisenhaus ist während der Öffnungszeiten der Janusz-Korczak-Bibliothek frei zugänglich. Geführte Besuche mit Audio-Guides sind für Schulklassen ab Klasse 11 und Erwachsenengruppen buchbar. Die interaktiven Führungen verbinden Biografien mit bis heute aktuell en Fragen zu Ausgrenzung, Zivilcourage und Verantwortung.

Weitere Informationen: Das historische Jüdische Waisenhaus in Berlin-Pankow: Ein Ort voller Geschichte und Erinnerung

Beitrag aus dem Newsletter 18/2026 der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie

Bild: Dr. Walter und Margarete Cajewitz-Stiftung

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